Welche Schulden soll ich zuerst bezahlen, welche können warten?

Handy auf Schreibtisch

Was, wenn nicht genug Geld da ist, Sie aber Strom, Miete, Internet, Handyrechnung, Autoversicherung und vielleicht sogar noch die Steuern vom letzten Jahr zahlen müssen? Einige Rechnungen sollten Sie schneller zahlen als andere. Wir erklären Ihnen warum.

Niemand öffnet gerne Briefe, in denen eine Rechnung oder gar Mahnung stecken könnte. Doch  spätestens wenn ein gelber Brief eintrudelt, wird es dringlich. Dann stehen häufig gleich mehrere Kosten an: Rechnung, Mahngebühren, Inkasso- und gegebenenfalls Prozesskosten. Noch schwieriger wird es, wenn sich ein ganzer Rechnungsberg ansammelt, sich Inkassounternehmen einschalten, eventuell sogar der Staat. 
Wahrscheinlich beginnt dann das Löcherflicken, hier und da werden einige Rechnungen gezahlt, andere nicht. Doch aufgepasst, werden Rechnungen dauerhaft nicht gezahlt, kann Lohn, Konto oder sogar die Wohnung gepfändet werden.

Um das Gedankenkarussell anzuhalten und einen Dominoeffekt zu vermeiden, sollten Sie erst einmal tief durchatmen und sich dann dem Papierhaufen stellen. Geben Sie sich einen Ruck und sortieren die Rechnungen in verschiedene Stapel: Miete, Handy, Shopping, Internet und was Sie sonst noch so an Ausgaben haben. Am besten gleich nach Datum – die älteste jeweils nach unten, aktuellere Rechnungen obenauf. Nun schauen Sie sich Ihre Stapel an. Einige dieser Rechnungen können zu Schulden führen die existenzbedrohend sind. Das sind sogenannte Primärschulden, wie Miete, Krankenkasse, Bußgeld und ähnliche. 

1. Miete

Die Miete sollte beim Bezahlen an erster Stelle stehen, denn sie betrifft Ihr Dach über Ihrem Kopf – nicht das Handy oder selbst der Strom. Diese werden in der Regel zunächst nur abgestellt. Vermieter sind auch nur Menschen, und man kann mit ihnen reden. Wenn es mal eng wird, sprechen Sie rechtzeitig mit Ihrem Vermieter. Denn es gilt: Wenn Sie zwei Mal hintereinander die Miete nicht gezahlt haben oder über einen längeren Zeitraum lediglich Teilbeträge, so kann Ihnen ihr Zuhause fristlose gekündigt werden. Im schlimmsten Fall steht eine Räumungsklage mit anschließender Zwangsräumung und anschließender Wohnungslosigkeit an! Eine Ausnahme bieten Rückstände, die während der Corona-Pandemie entstanden sind. Diese Mietrückstände müssen erst bis zum 30. Juni 2022 ausgeglichen werden.
 

2. Strom und Gas 

Ohne Strom und Gas können Sie nicht kochen, funktioniert weder Kühlschrank, Licht noch Internet und auch das Handy kann nicht geladen werden. 
Und jetzt? Scheinbar haben Sie einen Zahlungsrückstand von mindestens 100 Euro. Auch hier ist wieder der Dialog der richtige Weg. Melden Sie sich umgehend bei Ihrem Anbieter. Entweder Sie begleichen direkt die ausstehende Summe oder finden eine andere Lösung. In der Regel sind auch hier Ratenzahlungen, Stundung oder eine zeitweilige Erhöhung der Abschlagszahlungen möglich. 
 

3. Krankenkasse

Zahlen Sie wenn möglich auch die Krankenkassenbeiträge. Denn nach entsprechenden Mahnungen kann die Gesundheitsversorgung eingeschränkt werden. Das passiert, wenn ein Minus von insgesamt zwei Monatsbeiträgen entsteht. Dann stehen Ihnen erst einmal ausschließlich Notfallbehandlungen bei ihren Ärzten und im Hospital zu. Der Nottarif gilt sowohl für gesetzliche, als auch private Krankenkassen.

4. Bußgelder 

Die kommen bei (eher kleineren) Ordnungswidrigkeiten zum Einsatz – das kann schon ein Verstoß im Straßenverkehr sein. Die Höhe des Betrages richtet sich nach dem Bußgeldkatalog und beläuft sich in der Regel auf eine Summe zwischen fünf und 1.000 Euro (§ 17 I OWiG). Den Katalog können Sie übrigens auch im Internet einsehen. Das Bußgeld ist nicht mit dem Begriff des Strafgeldes zu verwechseln – hier müsste es sich wiederum um ein strafrechtliches Vergehen handeln.
Was Sie vielleicht erst einmal aufatmen lässt: Bei der Bußgeldzahlung werden die persönlichen Vermögensumstände berücksichtigt. 
Zunächst werden Sie über den zu zahlenden Betrag über einen Bußgeldbescheid in Kenntnis gesetzt. Gegen diesen können Sie innerhalb von zwei Wochen Widerspruch einlegen. Bei einer gerechtfertigten Forderung einigt man sich im nächsten Schritt auf eine Zahlungsfrist und ob die ausstehende Rechnung auf einmal oder in Teilbeträgen beglichen werden soll.
 

5. Steuer 

Sie erfordern umgehendes Handeln, da das Finanzamt bereits aus dem Steuerbescheid vollstrecken kann. Das bedeutet, dass aufgrund von Steuerschulden der Lohn oder das Konto gepfändet werden kann, ohne dass vorher ein Gang zum Gericht erforderlich wäre. Zudem wird auf die Schuld nach und nach steigende Zinsen erhoben. Am besten setzen Sie sich mit dem Finanzamt direkt in Verbindung. Gut zu wissen: Auch hier ist eine Ratenzahlung möglich. Außerdem können Sie einen Schuldenerlass beantragen, sollte Ihre wirtschaftliche Existenz betroffen sein. 
 

6. Inkasso 

Beim Inkasso gilt: es lohnt sich schnell zu zahlen, denn die Gebühren steigen mit der Zeit.  Vor allem kleine Beträge können sich so zu größeren Summen aufschwingen. Auch bei Inkassoforderungen sollte man besser nicht zu spät zahlen, sonst drohen Schufa-Eintrag, Vollstreckungsbescheid und Kontopfändung. Gut zu wissen: Inkassounternehmen können auch kooperativ sein, und bieten ggf. Ratenzahlung und Zahlungsaufschub an. Auch hier sollte man besser anrufen und die Situation schildern.
 

7. Kredit 

Hier gibt es zwei Fälle. Fall eins: Sie haben einen Kredit aufgenommen, den Sie nicht abbezahlen können. Das wäre zunächst nicht so dramatisch. Denn in der Regel haben Darlehen in ihren Verträgen einen Paragrafen, der es ermöglicht, eine Rückzahlungspause einzulegen. Wichtig ist, mit dem Kreditgeber in einen Dialog zu treten. 
Der zweite Fall: Sie nehmen einen Kredit auf, um gleich alle Schulden auf einen Schlag bei den jeweiligen Gläubigern zu bezahlen. Macht Sinn, wenn Sie die Übersicht verloren haben. Trotzdem hat sich die Schuldensumme nur verlagert und Sie häufen eventuell an allen Seiten neue Schulden auf. Hier unbedingt nach Kreditaufnahme schauen, welche Ausgaben Sie kürzen können. Brauchen Sie gerade die Mitgliedschaft im Fitnessstudio oder können Sie pausieren? Muss das wöchentliche Ausgehen mit Freunden sein? Reicht nicht eine Haftpflichtversicherung?


Und was, wenn alles schon zu spät ist?

Etwas, was man vielleicht nicht gleich merkt: Man hat die letzte unangenehme Post dann doch noch nicht geöffnet und plötzlich häufen sich die Mahnungen im Briefkasten, denn das Konto wurde gepfändet und etliche Beträge konnten nicht abgebucht werden. Im schlimmsten Fall kann es nämlich zur Pfändung oder zum Insolvenzverfahren kommen. 
 Dafür ist aber erst einmal ein Vollstreckungsbescheid, beziehungsweise Vollstreckungstitel, nötig. Das bedeutet, dass beispielsweise ein Gericht über einen ausstehenden Rechnungsbetrag beschlossen hat, Sie ihn aber nicht zahlen. Dann kann es zu einer Kontopfändung, Lohnpfändung oder sogar zu einer Sachpfändung in der eigenen Wohnung kommen.

Wenn man auf Dauer seine Rechnungen nicht zahlt, kann es zu einem Insolvenzverfahren kommen. Dafür wird ebenfalls ein gerichtliches Verfahren eingeleitet. Aber: Erst einmal tief Luft holen, denn Überschuldung heißt nicht gleich Insolvenz. Versuchen Sie sich allein oder mit einem Schuldnerberater eine Übersicht zu schaffen und gegebenenfalls mit den jeweiligen Gläubigern eine Ratenzahlung oder teilweise einen Schuldenerlass zu bewirken. Vielleicht beruhigt es Sie auch, dass Sie nicht allein sind – laut Schuldneratlas waren 2020 gut 6,85 Millionen Menschen in Deutschland überschuldet. 
Falls dann dieses Schuldenbereinigungsverfahren scheitert, kann eine Verbraucherinsolvenz oder Privatinsolvenz ein sinnvoller Schritt sein. Falls es am Ende zu einem Insolvenzverfahren kommt, ist es gut, sich Folgendes bewusst zu machen: Allein wegen Schulden werden Sie in Deutschland nicht in Haft genommen. Ein Haftbefehl kann im Zusammenhang mit Schulden erlassen werden, jedoch nur dann, wenn eine verschuldete Person nicht über ihr Vermögen Auskunft gibt. Dies müssen Sie als Schuldner nämlich tun. Verweigern Sie hier die Vermögensauskunft, kann es so zu einer Erzwingungshaft kommen. Das A und O der Schuldenbekämpfung ist also das Gespräch, auch wenn es vielleicht erst einmal Überwindung braucht.
 

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